Alice Dwyer – SZ Magazin NR 47

Manchmal, erzählt Alice Dwyer, steht sie am Set und kommt sich reichlich alt vor. Wenn ihr gegenüber ein Kollege steht, frisch von der Schauspielschule, und wenn dieser Kollege, der vielleicht sogar ein, zwei Jahre älter ist als sie, nicht weiß, dass er viel zu große Gesten macht. Als ob es beim Filmdreh einen zweiten Rang ganz hinten geben würde, wo man seinen kleinen Theater-Finger auch noch sehen müsste. Soll sie ihm das sagen? Ist ja eigentlich nicht ihr Job. Meist lässt sie es sein, so ein Rat könnte schließlich leicht als Arroganz ausgelegt werden.

Alice Dwyer war auf keiner Schauspielschule. Sie ging, damals gerade neun Jahre alt, zu einer Agentur, mit der felsenfesten Überzeugung im Gepäck: Die suchen, die brauchen MICH. Die Alice von heute, ein 22 Jahre alter Routinier, sagt: »Meine Verwandten fanden schon vorher, ich würde mich immer in den Mittelpunkt spielen, nicht schlimm, nicht aufdringlich, aber doch mit großer Entschiedenheit.« Wenn sie zurückblickt, kann sie nur staunen: »Das hätte ich mich in keinem anderen Alter getraut. Ich bin sehr froh, dass ich das damals konnte, aber schon drei, vier Jahre später wäre mir das ganz unmöglich gewesen.« Sie spielte dann in Anna Wunder, da war sie elf. Sie spielte in Lichter von Hans-Christian Schmid, in Baby von Philipp Stölzl und Erbsen auf halb 6 von Lars Büchel. Schnell hatte sie das Image der nächsten deutschen Lolita weg.

Sie schwört, sie habe die meisten Angebote, die dieses Klischee bedienten, abgelehnt. Offenbar blieb immer noch genug übrig: Als sie die Schule nach der 10. Klasse beendet hatte, drehte sie einen Film nach dem anderen. Viel Fernsehkram, Tatorte, kleine Fernsehspiele, und noch einmal die Jungs-den-Kopf-Verdreherin in Andreas Kleinerts Freischwimmer, aber sie wirkte in dieser Rolle schon viel erwachsener. Trotz ihrer enormen Präsenz wird sie eine Angst nicht los: »Ich denke nach jedem Dreh, es sei das letzte Mal gewesen. Und dass jetzt nie wieder wer anruft. Dass mich nie wieder jemand sehen will.« Sie kennt das von ihrer Mutter, deren Namen sie trägt, eine Malerin aus Neuseeland, die auch immer wieder die leere Leinwand verflucht.
Was wird nun aus einer jungen Schauspielerin, die durch ihre bisherigen Filme festgelegt scheint auf die Darstellung von Mädchen mit schwieriger Kindheit? Alice Dwyer erklärt, sie wolle keine der früheren Rollen missen, aber nun »brenne ich darauf, junge Erwachsene zu spielen!«

Für Anna Justices Remembrance, der in Deutschland wohl 2011 unter dem Titel »Die verlorene Zeit« in die Kinos kommen wird, hat sie Hannah Silberstein gespielt, eine junge Jüdin, die sich im KZ verliebt, den Mann aus den Augen verliert. Beide überleben und denken nach der Befreiung, der geliebte andere Mensch wäre gestorben. Im November 2009 wurde für zehn Tage gedreht, dann gab es eine halbjährige Pause, weil die Geschichte im Sommer spielen musste. »Ich habe diese Hannah Silberstein also von Oktober bis zum folgenden Sommer mit mir herumgetragen«, seufzt Dwyer. Nach der Pause musste sie sich wieder an strenge Diät gewöhnen, nicht nur der Optik wegen: »Ich kann keine Frau spielen, die kurz vor dem Verhungern steht, und mir dann mittags schön das Schnitzel reinziehen.«

Wenn sie sich nun noch ein paar Rollen wünschen dürfte, würde die Liste lang. Was würde ganz oben stehen? Klasse für den wahren Neubeginn wäre, wenn man sie mal in einer Komödie besetzen würde, sagt Alice Dwyer. In Neiiiiiin, einem Kurzfilm von Mickey Nedimovic, hat sie mitgespielt, das hat sie angefixt. Der Film lief jetzt auf einigen Festivals, und da hat sie im Saal erlebt, »wie die Leute über einen lachen – das ist toll, das Größte überhaupt«. Sogar noch besser, findet sie, als das ganze Kino zum Heulen zu bringen!

Text: Helge Hopp –  SZ Magazin

Actress: Alice Dwyer Stylist: Henning Schulz / H&M: Maria Steinsberger / Photo: Oliver Rath


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