90 Billions – Selim Varol

Die Ausstellung Toys`R´Me sorgt in Berlin zur Zeit für Furore!
Zu verdanken haben wir diese atemberaubende Ansage einer gelungenen Sammlung: dem Düsseldorfer Geschäftsmann und Feingeist, SELIM VAROL.

3.000 Werke von mehr als 200 Künstlern & Designern aus über 20 Ländern zeigen eine Welt aus kindlichen Emotionen und gebündelter Energie.
Energie, die SELIM VAROL im Interview mit 90 BILLIONS großzügig weitergibt…

 

 

Süchtig kommt von „suchen“, sagt man…, ist hier eine Suche nach kindlichen Erinnerungen, ernstzunehmender Investition oder doch nur die Befriedigung einer schlichten Gier zu finden?

Von alledem trifft nichts zu! Die Kindheit spielt in der Sammlung eine eminent große Rolle und wirkt wie ein Flashback.
Viele Besucher der Ausstellung freuen sich. Zugleich findet aber auch Identifikation statt, da sie meistens mit Sachen gespielt haben, welche hier gezeigt werden.
In dieser geballten Ladung sehe ich meine Sammlung zum ersten Mal. Alle Sammlerphasen, die vom Akkumulieren der Designertoys bis hin zum Komplettieren von Serien reichen, sind nun zusammengefasst.
Sucht ist in meinem Fall eine Leidenschaft, die ich der Öffentlichkeit im “me Collectors Room” gerne zeige.

Und was sucht man als erfolgreicher Geschäftsmann im väterlichen Unternehmen? Helden, Vorbilder…?

Sicherlich Helden und Vorbilder, aber ganz klar auch die Schurken.
Das ist eben wie Gut und Böse, Ying und Yang, alles gehört zusammen und bildet eine spannende Gesamtheit.
Ich suche nicht mehr viel. Meine Sammlung befindet sich nun an einem Punkt, an dem ich lediglich ergänze und somit essenziell bereichere.

Du dokumentierst mit den Spielzeugen eine Art Zeitgeschichte mit einem Hauch Erinnerung aus Kindertagen. Meinst du, dass der Erfolg der Ausstellung nur von emotionalem Wert herrührt?

Es spielen so viele Facetten eine Rolle. Ich glaube, dass der emotionale Wert nur einen kleinen Teil ausmacht. Dennoch, ohne Emotionen läuft im Leben gar nichts. Im “me Collectors Room“ fließen zur Zeit starke Energien, die in den Werken von jungen und älteren Künstlern, Kulturen und dem aktuellen Zeitgeschehen stecken. Diese Energien kommen zusammen und generieren einen Output. Diesen sind die Besucher eingeladen mitzunehmen und in den Alltag einfließen zu lassen.

Ist Geschmack eine angeborene Grundhaltung oder mit Geld einfach zu kaufen?

Man kann mit Sicherheit viel lernen, doch Geschmack hat man oder eben nicht. Jeder hat seinen Geschmack und mein Geschmack ist deutlich in der Ausstellung zu erkennen. (lacht)
Dieser reicht vom verspielten Design bis hin zur politischen Kunst, die Teil der neuen Bewegung ist.

Weit darüber hinaus würde ich es als Dokumentation eines Lifestyles meiner Generation und unserer Kultur bezeichnen.

Manch Superhero vergangener Tage fristete sein Leben auf dem Ramschtisch bei Hertie. Dann kamst du und hast ihn gerettet. Was macht sein Leben jetzt interessanter und geht´s ihm denn gut?

Der Hero wird gebührend hofiert. Er gastiert hier in Berlin in seiner persönlichen Holzvitrine, ist ständiger Begleiter und ziert famos das Cover meines Buches, das ich gemeinsam mit Daniel & Geo Fuchs initiiert habe.
Ihm geht´s zusammengefasst rundherum blendend. Er wird gepflegt und steht noch wie eine Eins.

Aber warum gerade „Toys“ und nicht die sichere Anlage mittels eines hysterisch schreienden Munchs für 120 Millionen Euro?

Ich sammle Künstler, die leben und mit denen ich kommunizieren und Projekte verwirklichen kann.
Menschen, die Neues schaffen und erschaffen sind für unsere Gesellschaft von enormer Bedeutung. Diese Menschen begleiten zu dürfen, ist das Schönste an meinem Dasein als Sammler.

Was hat Berlin, was Düsseldorf nie haben wird?

Den “me Collectors Room”!
Da geht mein besonderer Dank an Familie Olbricht, die Fantastisches mit ihrer gleichnamigen Stiftung leistet. Was das „me“ für Berlin bedeutet, werden viele nicht nach Richter begreifen, sondern erst nach dieser Show.

Ist es mutig so ein Projekt nach einer vielseits beliebten Ausstellung von Gerhard Richter zu starten?

Gerhard Richter in allen Ehren und ich bin mir sicher, dass ihm diese Sammlung gefallen wird. Man muss sich jedoch immer für neue Impressionen und Einflüsse offen halten. Das hier gezeigte ist jung und eine völlig andere Richtung. Mut wird hier aus der Andersartigkeit geschöpft!

Bist du jemand, der Berlin durch Andersartigkeit und internationalem Niveau zu dem breitgefächerten Titel „Weltstadt“ verhelfen kann?

Ich kann ein Teil des Puzzle sein und bin zugleich froh hier etwas zeigen zu dürfen, ohne mir über das Ausmaß richtig bewusst zu sein. Da meine Ausstellung keine permanente Show ist, kann es lediglich ein Initiator für Weiteres sein.
Meine Sammlung muss doch auch noch etwas reisen, nach Tokyo, New York und Istanbul. Und wer weiß, vielleicht findet sie ihre Heimat dann in Düsseldorf oder Istanbul.

Düsseldorf? Istanbul? Berggruen hat’s vorgelebt, gönn deiner Sammlung doch auch die Heimat in Berlin?

Mhhh…, man weiß es nicht. (lacht) Ich fühle mich in Berlin sehr wohl und schätze die deutsche Metropole als eine Stadt, die international das Potenzial hat mit London, New York oder Hong Kong gleichzuziehen. Außerdem kann Berlin mit dieser Ausstellung locker mit dem MOCA in L.A konkurrieren.

Streetart lebt durch Raum, Freiheit und Urbanität. Warum kauft man diese, setzt sie in einen Rahmen, begrenzt und konserviert sie damit?

Rein aus der Sicht des Künstlers gesehen, ist dies ein Weg seine Projekte zu finanzieren. Wovon soll Streetart leben, wenn nicht gerahmt!?
Als Künstler dieser Szene lebt man meist in einer dualen Welt, macht einen nine-to-five-Job und geht abends sprühen oder klebt Plakate.
Und warum sollen Sammler oder Galeristen diesen Kunstschaffenden keine Plattform bieten? Auch diese Ausdrucksform zeigt sich im Wandel, Streetart ist in der “Contemporary Art“ längst angekommen.
In den 80er Jahren lebten es big names der New Yorker Popszene, wie
Keith Haring, Andy Warhol oder Jean-Michel Basquiat bereits vor und haben mit ihren Artproducts eine jüngere Käuferschicht angesprochen. Vorausdenkend: Menschen, die in jungen Jahren eine Fanbase bilden, eine Druckedition kaufen und sich später als Großverdiener ein Original zulegen.

Nun haben wir den 80er Jahren das Medium Internet voraus, die Verbreitung geht somit erheblich schneller. Verliert das an Qualität?

Es geht bedeutend schneller, ohne seinen Anspruch zu verlieren. Es werden gewisse Komponenten ausgeschaltet, wie die Kosten.
Künstler haben nicht nur die Möglichkeit sich selbst global zu informieren, sondern medial zu verbreiten und sich als Tool oder Shop zu präsentieren. Es ist viel einfacher eine Edition auf einer Website zu releasen, die man selbst entwickelt hat. Außerdem herrscht eine Art Demokratie vor: wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Künstler, die Guerillaart machen, wissen das Tool Internet für sich bestens zu nutzen!

Luxus oder Zeitvertreib?

Beides, allerdings ohne Zeit zu vertreiben, sondern im Sinne von Luxus zu nutzen. Denn wer sich heute noch die Zeit vertreiben muss, der tut mir leid.

Was steckt denn hinter dem ambitionierten Sammler?

Bald ein ambitionierter Ehemann und hoffentlich auch bald ein Vater. Ich bin sehr familienbezogen und habe ein großes Herz verbunden mit ganz viel Energie, die ich gerne weitergebe. Probleme räume ich mit Lösungen aus dem Weg und denke immerzu positiv. Das ist ohnehin das Wichtigste.

Wenn schon politisch angehauchte Kunst, dann mal eine Frage außerhalb der Thematik. Du bist Sohn türkisch-stämmiger Einwanderer, wie siehst du das Thema Integration gerade in Deutschland?

Das Thema Integration wird zu groß aufgehängt, jeder integriert sich wie er möchte, jeder hat die eigenen Möglichkeiten dazu.
Eltern haben eine große Verpflichtung, man kann nicht alles auf die Politik abwälzen. Die politische Verantwortung liegt aber darin, Gelder in die richtige Richtung zu kanalisieren.
Ich bin der festen Überzeugen, dass Kunst und Kultur viel mehr zur Integration beisteuern können, als man allgemein vermutet. Wir müssen Menschlichkeit walten lassen, mehr miteinander reden und uns um den Nächsten auch wirklich kümmern. Bereits seinen ausländischen Nachbarn einzuladen und sich mit ihm und seiner Kultur auseinanderzusetzen ist nicht nur learning by doing, sondern auch fortschrittlich und wirkungssicher.

90 BILLIONS dankt SELIM VAROL für das erfrischende Gespräch und der faszinierenden Weitsicht,

die ihn selbst zum Künstler macht!

Selim Varol

Interview : Jan Luckenbill  Make Up: Betty Amrhein Photos: Oliver Rath



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